Warum ich nach 14 Praktika immer noch nicht weiß, was ich mal werden will.

Ich bin Lotte, 17 Jahre alt und komme aus Hamburg. Im Moment mache ich mein 14. Praktikum. Und wenn mich jemand fragt, ob ich schon weiß, was ich nach der Schule machen will, dann kann ich immer noch nur mit den Schultern zucken.

 

Ich besuche eine Schule in Winterhude, die einem etwas anderen Konzept folgt. Wir arbeiten weniger mit Frontalunterricht und dafür mit mehr selbstständigem Arbeiten. Außerdem unterstützt meine Schule, dass man Praktika macht und ins Ausland geht, was mit Sicherheit einer der Gründe ist, weshalb ich überhaupt so viele Praktika gemacht habe.

In der 5. Klasse hatte ich mein erstes Pflichtpraktikum, und seitdem jedes Jahr mindestens ein weiteres. Die ersten waren nicht länger als 5 Tage lang, erst in den folgenden Jahren wurden sie etwas länger. Meine Hoffnung war natürlich immer, dass ich im nächsten Praktikum etwas finden würde, was ich toll finde, was mir Spaß macht oder wo ich denke: Ja, genau das will ich machen! Das ist bisher leider nie passiert, trotzdem konnte ich sehr viele Erfahrungen sammeln und eine Menge daraus lernen.

Bei meinem ersten Praktikum im Zoologischen Museum war ich gerade erst 10 Jahre alt. In diesem Alter hat man in den meisten Betrieben keine wirkliche Chance, angenommen zu werden - und vor allem auch überhaupt keine Idee, was man machen möchte. Während der fünf Tage konnte ich bei der Organisation einer Veranstaltung mithelfen, was zwar Spaß gemacht hat, mir jedoch nicht wie ein Beruf vorkam, über den ich hinterher mehr wusste.

Die folgenden Praktika waren sehr unterschiedlich, obwohl viele von ihnen mit Tieren zu tun hatten. Ich half auf einem Gestüt aus, entwickelte einen eigenen Prototyp für eine App in einer Agentur namens Useeds, verbrachte drei Wochen in Rheinland-Pfalz, wo ich einen freien Journalisten bei seiner Arbeit begleitete und gleichzeitig mit ihm lebte. Als ich in die 8. Klasse ging, arbeitete ich für einen Monat in der Edeka-Zentrale im Einkauf, wobei ich dort eigentlich jeden Tag Zahlen in eine Excel-Tabelle eingetragen habe. Danach war für mich klar, dass ein Büro-Job definitiv nicht für mich infrage kommt.

Ein Jahr später verbrachte ich 4 Wochen in einer Pferdeklinik. Das war wohl eins meiner besten Praktika, da mir die Abwechslung sehr gefallen hat und ich sowohl mit Tieren als auch mit Menschen zu tun hatte. Trotzdem hatte ich nicht das Gefühl, diesen Beruf selbst ausüben zu wollen.
Mit 15 ging ich für neun Monate nach Irland, um dort in einer Gastfamilie zu leben und eine katholische Mädchenschule zu besuchen. Ich habe es dem Jahrgang zu verdanken, dass ich auch dort die Chance bekam, gleich drei weitere Praktika zu machen und ich entschied mich für etwas "klassischere" Orte: Ein Second-Hand Geschäft, ein Café und ein Restaurant. Ich fand es wie immer spannend, dazuzulernen und mich mit neuen Berufen vertraut zu machen, aber viel länger als für das Praktikum hätte ich es nicht machen wollen.

Als ich aus dem Ausland zurückkam, ließ ich mich für das erste Schulhalbjahr freischreiben. Schon im Ausland hatte ich mich bei unterschiedlichen Betrieben beworben, sodass ich nun fünf weitere Praktika vor mir hatte. Zuerst war ich für kurze Zeit im Wildpark Schwarze Berge, wo mir aber schon nach wenigen Tagen klar wurde, dass mir diese Arbeit überhaupt keinen Spaß macht. Das darauffolgende Praktikum war eigentlich eine Notlösung, wenn auch eine sehr gelungene. Ich war für drei Wochen in der Hausmeisterei einer Schule und ließ mir erklären, was für Werkzeuge es gab, wofür man sie benutzt, wie man kleine Reparaturen tätigt und worauf man dabei achten muss. Selbst ohne "Zukunftsvisionen" war es ein tolles Praktikum, was mir in meinem Leben wahrscheinlich weit mehr helfen wird als die meisten anderen Praktika.

Anschließend war ich als Praktikantin im Hotel Vier Jahreszeiten. Dort lernte ich drei Hotel-Bereiche kennen, nämlich die Floristik, den Weinkeller und das Housekeeping. Es war wieder ein Praktikum, was total spannend zum Kennenlernen war, wo mir aber der Spaß bei der Arbeit gefehlt hat.

Vor einigen Wochen machte ich ein Praktikum in Hattingen, genauer gesagt im DGB Bildungswerk. Ein Bekannter nahm mich unter seine Fittiche und ich hatte viel mit den Themen Netzpolitik und digitales Lernen zu tun, was mich sehr interessiert. Zwei der drei Wochen verbrachte ich in Seminaren, wo ich mich um die Führung des Blogs kümmerte. Dort fand ich zwar die Themen unglaublich spannend, jedoch gab es keinen damit verbundenen Beruf, dem ich das Ganze zuordnen konnte - außer vielleicht Blogger.

Auch, wenn ich immer noch keinen Beruf gefunden habe, den ich ausüben will, konnte ich durch die vielseitigen Einblicke viel lernen - auch über mich selbst . Ich weiß, was ich definitiv nicht machen will (zum Beispiel nur am Computer sitzen, oder (das Gegenteil) nur draußen sein), habe aber auch eine gute Vorstellung von den Sachen, die mir Spaß machen. Ich weiß, dass ich gerne unter Menschen bin, mit denen ich mich austauschen kann, dass ich gute Ideen und Projekte spannend finde und vor allem, dass ich Spaß daran habe, zu sehen, wie meine ToDo-Liste sich leert. Vor allem aber ist es die Abwechslung, die ich brauche, damit ich mich nicht jeden Tag frage, wann ich wohl Feierabend habe.

Aber was mache ich jetzt mit diesen Erkenntnissen? Das weiß ich ehrlich gesagt auch noch nicht so genau. Vielleicht habe ich auch einfach zu hohe Ansprüche.

Wenn mich aber jemand fragt, was ich später machen will, denke ich gar nicht mehr so viel darüber nach, wie mein Berufsleben wohl aussehen wird. Durch all die Menschen, die ich getroffen und kennengelernt habe, habe ich herausgefunden, dass man die Zukunft nur selten genau planen kann. Die meisten hätten niemals im Leben erwartet, dort zu landen, wo sie jetzt sind, und meistens ist am Ende doch etwas ganz anderes herausgekommen als das, was sie sich vorgestellt haben. Was aber nicht heißt, dass die Leute damit unglücklich sind.

Jetzt habe ich hier im Betahaus noch zwei weitere hoffentlich abwechslungsreiche Wochen, um mit noch mehr Menschen zu sprechen und ihre Geschichten und beruflichen Lebenswege kennenzulernen... Wer weiß, vielleicht ist etwas für mich dabei.