120 brandeins-Ausgaben als Inspirationsquelle für die betahaus-Community

Ein Interview mit Spenderin Claudia Kirsch

betahaus: Claudia, erst einmal vielen herzlichen Dank, dass wir die brand eins-Ausgaben unserer Community zur Verfügung stellen können. Zunächst aber die Frage, wie du überhaupt zu so einer Ansammlung von brand eins-Ausgaben gekommen bist?

Claudia: Ich habe euch zehn Jahrgänge von 2007-2017 geschenkt. Für mich war das der absolute Flash, die erste brand eins-Ausgabe in der Hand zu haben. Ich hatte sie mir damals in einem Kiosk für eine Reise nach München gekauft. Andere Wirtschaftsteile in Zeitungen berichten meist über Personalien und Aktienkurse von Unternehmen – irgendwie trockenes Zeug, das mich nicht wirklich interessiert. Brand eins schreibt Geschichten über Unternehmen und über die Hintergründe. Da werden engagierte Menschen sichtbar, die Wirtschaft – auch nachhaltig – gestalten. Außerdem gibt es pro Heft einen Schwerpunkt, der absolut zeitgemäß ist und den Nerv trifft. Beispielsweise „Marketing: Find mich gut“, „Digitalisierung: Es denkt nicht für Dich“ oder „Umsonst: Ich zahle gern“ mit grafisch witzig gestalteten Titelblättern. Nach der ersten Ausgabe wurde ich Abonnentin.

betahaus: Bis heute?

Claudia: Ja, klar, ich sammle brand eins auch die nächsten zehn Jahre weiter.

betahaus: Hast Du eine Lieblingsausgabe?

Claudia: Jede Ausgabe liebe ich, denn die Lektüre macht einfach gute Laune. Ich lese jede Ausgabe vom ersten bis zum letzten Buchstaben, inklusive der Anzeigen. Die sind ebenfalls speziell gestaltet – für die Zielgruppe der Querdenker.

betahaus: Ich bin auch ein großer Fan und kann das sehr gut nachvollziehen. Hat dir die brand eins denn thematisch Impulse gegeben, für dich und dein Business?

Claudia: Ja, auf jeden Fall. Es sind in brand eins ja auch Reportagen über Selbstständige dabei, wie Unternehmen ihre Marke aufbauen und sich auf schwierigen Märkten mit Innovationen behaupten. All die Geschäftsbereiche von Unternehmen werden von verschiedensten Seiten beleuchtet. Auch durch Benchmarking kann man viele gute Ideen auf andere Unternehmen übertragen. Auch das Thema Grundeinkommen wird immer wieder neu behandelt, das finde ich politisch wichtig.

betahaus: Wie können Selbstständige von der Lektüre profitieren?

Claudia: Wenn ich ein Business aufbaue, geht es ja nicht nur darum ein attraktives Produkt oder eine gefragte Dienstleistung anzubieten. In der Unternehmensführung gilt es, alle Geschäftsbereiche professionell zu gestalten. Die betrieblichen Abläufe, das Marketing, die Finanzen, all das. Um sich langfristig am Markt zu behaupten und sich persönlich weiterzuentwickeln, brauchen Selbstständige das Out of the Box-Denken, das Querdenken. Ich finde, hier schult brand eins den Geist – abgesehen von all den konkreten Anregungen zu einzelnen Themen.

betahaus: Was ist denn genau dein Business, was bietest du an?

Claudia: Ich bin seit über 25 Jahren Unternehmensberaterin und Coach speziell für Selbstständige und Solopreneure. Natürlich kann man sich dieses Out of the Box-Denken durch brand eins-Lesen wachhalten. Aber ein persönliches Gegenüber ist auch sehr hilfreich. Es gibt viele Übergangsphasen bei Gründung und Weiterentwicklung eines kleinen Unternehmens, in denen es nicht gut ist, als Solopreneur allein zu sein: Umzug vom Home-Office in eigene Geschäftsräume, Einstellung von Mitarbeitern oder Wechsel des Geschäftsfelds – entweder weil ich oder weil der Kunde etwas Anderes will. Bis zu der Frage, wie ich mein Unternehmen wieder schließe oder verkaufe? Auch das Private spielt eine Rolle: wie verändert sich mein Business, wenn ich eine Familie gründe? 
Ich verstehe mich als begleitendes Gegenüber. Dabei vermittle ich betriebswirtschaftliche Kenntnisse, um die unternehmerische Veränderung gestalten zu können. Und im Coaching geht es um eine psychologische Reflexion der Situation: Was hat das Ganze mit mir zu tun? Was sind meine Träume und Wünsche? Wo stehe ich mir selbst im Weg und wie kann ich das ändern?

betahaus: Wer sind die Menschen, die zu dir kommen? Wer interessiert sich für diese Art der Begleitung?

Claudia: Wir haben eine Zielgruppe von Menschen nach Ausbildungsabschluss und mit ersten Berufserfahrungen. Dann gibt es nochmal eine ganz starke Zielgruppe von Menschen, die ein Berufsleben hinter sich haben, das sie nicht so glücklich gemacht hat und die damit liebäugeln, nochmal etwas Anderes zu machen. Branchenmäßig liegt unser Schwerpunkt bei den freien Berufen und personenbezogenen Dienstleistungen – wie Logopädie, Yoga, Beratung und Therapie – und den wirtschaftsnahen Dienstleistungen wie Architektur, Event-Management, Videoproduktion, betriebliche Gesundheitsförderung und und und.

betahaus: Was sind die häufigsten Themen, die Menschen mitbringen, wenn sie sich auf den Weg zur Selbstständigkeit machen?

Claudia: Ich habe einen ganzheitlichen Ansatz in der Unternehmensberatung Kirsch, der auf die drei Erfolgsfaktoren der Selbstständigkeit zielt: Marketing, Finanzen und Unternehmerpersönlichkeit. In jedem dieser Bereiche gibt es typische Themen. Im Marketing geht es oftmals darum, das Profil zu schärfen. Aus Unsicherheit neigen Selbstständige dazu, sich zu breit aufzustellen. Da wir hier kaum Märkte ohne starken Wettbewerb haben, ist eine klare Positionierung wichtig. Dann ist man oftmals schnell in dem Bereich der Unternehmerpersönlichkeit. Es geht um eigene Ansprüche und Selbstzweifel: Bin ich wirklich gut genug, um mich in dem Marktsegment zu behaupten? Wie komme ich zu meinen Kunden? Wie führe ich Akquisegespräche und wie verkaufe ich „mich“? Das ist ganz häufig Thema.

betahaus: Und wie präsentiere ich das dann auch?

Claudia: Genau. Wie präsentiere ich mein Angebot und wie verhandel ich Aufträge ohne weg zu knicken? 
Dann sind wir auch schon bei dem Bereich Finanzen: Wie kalkuliere ich meine Preise? Welche Finanzierung brauche ich für mein Konzept? Viele Selbstständige sind unterfinanziert. Wenn sich jemand anfangs nicht groß verschulden mag, möchte ich da niemandem reinreden, sondern eher helfen, das Ganze angemessen zu finanzieren. Denn wenn man erst einmal angefangen hat und dann das Geld nicht reicht, ist es so gut wie unmöglich eine Nachfinanzierung von Banken zu bekommen.

brandeins cover

betahaus: Das ist ein sehr umfangreiches Angebot, das du da anbietest. Auch hast Du ein großes Netzwerk aufgebaut. Wie kam es dazu und wie funktioniert das?

Claudia: Ich arbeite heute mit einem Team von freien Mitarbeitern und im Office mit einem Angestellten. Das war ein mutiger Schritt in den 1990er Jahren: ich war schwanger und wollte meine Mutterschaft genießen und nicht der Karriere wegen im Alltag vollkommen durchgetaktet sein. Wenn ich also nicht mehrmals die Woche pünktlich um 18 Uhr meinen Workshop beginnen möchte, dann müssen andere da stehen. Es gibt eine freie Mitarbeiterin, die ist seit 20 Jahren bei mir – großartig. Manche sind seit zehn Jahren dabei, andere fünf oder auch drei Jahre. So wuchs die Anzahl der Themen und somit auch der Kollegen in meinem Netzwerk. Als das Workshop-Programm umfangreicher wurde, wurde dann auch eine Sekretärin notwendig. Außerdem kommen immer wieder Institutionen auf mich zu, deren Programm wir mit unseren Themen bereichern.

betahaus: Wie ist das, wenn man so lange einen Job macht? Ich glaube, Viele hier im betahaus können sich das aus eigener Erfahrung nicht vorstellen. Ich denke, es gibt wenige, die länger als zehn Jahre hier oder in einem Unternehmen gearbeitet haben.

Claudia: Ich glaube, das ist wirklich meine Leidenschaft, mich mit Menschen und ihren Entwicklungen mit ihrem Business zu beschäftigen. Man könnte sagen, als Unternehmensberaterin habe ich einen Hebammenberuf. Nicht nur, weil es um Gründungen geht. Jede Weiterentwicklung ist ja immer wieder der Beginn einer neuen Phase im eigenen Unternehmen. Anders gesagt: ich begleite Unternehmen im Kindergartenalter, im Schulalter bis hin zur Pubertät, wo sie in Schwierigkeiten kommen. Diese Art der lebens- und unternehmensbegleitenden Beratung mache ich auch jetzt immer noch sehr gern.

betahaus: Die Geschäftsideen haben sich in den 25 Jahren sicher auch total gewandelt.

Claudia: Genau, durch die Vielzahl von Geschäftsideen erlebe ich meine Arbeit als sehr abwechslungsreich.

betahaus: Viele Bereiche gab es ja vor 25 Jahren noch nicht, Apps und Homepages, zum Beispiel. Da bildet man sich dann ja auch ganz schön weiter.

Claudia: Da profitieren wir alle in meinem Team und Netzwerk voneinander, denn so eine Zusammenarbeit bedeutet ja auch eine wechselseitige Qualifizierung. Ein wesentliches Qualitätsmerkmal der Experten in meinem Team ist, dass alle selbstständig tätig sind, und nicht angestellt wie andere Berater in großen Institutionen. Wir beraten auf Augenhöhe.

betahaus: Warum hast du dich denn selbstständig gemacht?

Claudia: Mein Vater war ein halbes Jahrhundert als selbstständiger Architekt tätig. Sein Büro hatte er in unserem Wohnhaus. Ich habe das eins zu eins mitgekriegt. Für mich war es das höchste der Gefühle, mit ihm sonntagnachmittags die Ablage der losen Blattsammlung der Architektenzeitschrift zu machen. So konnte ich mit fünf Jahren das Dezimalsystem schon vor der Einschulung. Im Kinderzimmer habe ich dann mit meiner Schwester Büro gespielt: mit Locher und Tacker. Keine Barbiepuppen. Insofern war ich mit 30 Jahren bei Gründung der Unternehmensberatung Kirsch sehr glücklich: Mein eigenes Büro.

betahaus: Meine Tochter sagt öfter: Mama, ich möchte später im betahaus am Computer arbeiten. Dann frage ich: Was machst du dann am Computer? Meine Tochter: Filme gucken! Weil wir hier manchmal auch Filme zeigen.

Claudia: Mein Sohn hat sich mit 15 Jahren für Fotografieren und Videofilmen interessiert. Statt am PC zu daddeln hat er sich in all die Bearbeitungsprogramme eingefuchst und einen eigenen Vimeo- und Youtube-Kanal bespielt. Nach den ersten Aufträgen aus dem privaten Umfeld kamen kleinere und größere Kunden für Eventfilme hinzu. Jetzt ist er 21 Jahre alt, hat seine Ausbildung als Mediengestalter abgeschlossen und gründet im Oktober eine GmbH mit einem Kollegen. Da sage ich doch: der Apfel fällt nicht weit vom Baum.

betahaus: Wahnsinn. Dann hat er bestimmt manche Dinge in seiner Kindheit mitbekommen, oder?

Claudia: Ja, von Opi und von Mama. Das ist bei uns nicht so, wie in einer Familie, die seit Jahrzehnten eine Apotheke betreibt oder so. Es ist dieser Impetus zur Selbstständigkeit, der von Generation zu Generation weitergeht. Darüber freue ich mich sehr.

betahaus: Vielen Dank, Claudia, für das Gespräch. Aktuelles über Dich und Deine Arbeit finden Interessierte unter www.claudiakirsch.de