Fintech nachhaltig? "Tomorrow" zeigt im betahaus, wie es geht.

"Am liebsten wollen wir der ganzen Finanzbranche ein bisschen in den Hintern treten" – Jakob Berndt ist Mitgründer von Tomorrow, einem Fintech-Startup hier im betahaus. Im Interview erklärt er uns die Vision hinter Tomorrow, seine Sicht auf die Bankenwelt und verrät sein größtes Learning als Gründer.

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Was kommt dir spontan in den Kopf, wenn du den Satz hörst "Geld regiert die Welt"?

Mein allererster Gedanke ist: Stimmt! Und der zweite Gedanke ist dann, dass die Frage, wie das Geld die Welt regiert, von uns zu beeinflussen ist und nicht in Stein gemeißelt ist. Wir können darauf Einfluss nehmen. Und mit Tomorrow werden wir genau das tun.

Was genau macht Tomorrow?

Der Finanzmarkt und die Bankenwelt wird von vielen Mensch zurecht sehr kritisch gesehen. Diesen Markt mit seinem Blumenstrauß an negativen Assoziationen wie Spekulationsgeschäften, perversen Boni und Investments in Rüstung wollen wir entern. Wir gründen mit Tomorrow eine neue Art von Bank, die ihren Schwerpunkt im Thema Nachhaltigkeit findet. Und die gleichzeitig konsequent digital agiert.

Wofür setzt sich eine "nachhaltige Bank" ein?

Überall wo gewirtschaftet wird, ist Geld involviert. Und überall wo Geld involviert ist, kann Gutes wie Böses entstehen. Es gibt ja den Spruch "Geld arbeitet". Die zentrale Frage für uns ist, woran das Geld arbeitet und genau hier sehen wir unsere Gestaltungsmöglichkeiten. Ein Beispiel: Mein Partner Inas hat vor knapp zwei Jahren angefangen, sich damit zu beschäftigen, wie er sein Geld sinnvoll anlegen könnte, und stieß bei seiner Recherche fast ausschließlich auf Fonds und Finanzprodukte, in denen ganz viele Firmen drin steckten, mit denen er persönlich gar nichts zu tun haben wollte – US-Rüstungshersteller, Shell, Bayer, die gerade Monsanto gekauft haben. Alles Firmen, deren Anliegen er in keinem Fall mitfinanzieren wollte. Auf seiner Suche nach nachhaltigen Fonds und Anlageoptionen stieß er auf einen völlig intransparenten Markt. So entstand die Idee, eine Plattform zu gründen, die eine nachhaltige Geldanlage für Jedermann möglich machen sollte.

Klingt toll, aber auch nach einer ziemlich spitzen Nische.

Das ist es auch und deshalb haben wir die ursprüngliche Idee auch weiter entwickelt. Es gibt nur sehr wenige Leute, die sich tagtäglich aktiv mit Geldanlage oder Sparen auseinandersetzen – vielleicht weil sie kein Geld über haben oder weil sie nicht so genau wissen, wie es geht. Ein Girokonto ist hingegen ein Allerwelts-Finanzprodukt, das fast jeder besitzt. Und so haben wir unsere Nachhaltigkeitsidee im ersten Schritt auf ein sehr simples Produkt übertragen, das für eine Vielzahl von Menschen attraktiv ist: Ein konsequent nachhaltiges Girokonto fürs Smartphone, das einen positiven Fußabdruck in dieser Welt hinterlässt. Wir wollen möglichst viele Menschen für die Idee begeistern, sodass ihr Geld eine positive Geschichte schreiben kann. Und wenn diese Menschen dann später Geld anlegen wollen, haben wir in Zukunft auch dafür nachhaltige Lösungen.

Da kommen nun also drei Jungs in St. Pauli auf die Idee, eine neue Art von Bank zu gründen. Wie kann ich denn als Anleger sicher sein, dass ich euch mein Geld anvertrauen kann und ihr euch nicht auf die Bahamas absetzt?

Streng formal betrachtet, gründen wir keine eigene Bank, sondern sind im ersten Schritt "nur" ein Technologie Unternehmen, das Finanzdienstleistungen anbieten – zunächst eben ein nachhaltiges Girokonto. Wir können aber als eine Art von Bank auftreten, da wir mit einem Banking Service Provider in unserem Fall der solarisBank zusammen arbeiten. Die solarisBank stellt uns ihre Banklizenz zur Verfügung und ihr Kernbankensystem. Und so unterliegen wir gemeinsam denselben Regularien der Bafin wie alle anderen Banken auch. Über den nationalen Einlagenfonds ist jedes Konto in Deutschland bis zu einhunderttausend Euro geschützt. Dein Geld ist bei uns also mehr als sicher.
Und was die Zusammenarbeit mit der solarisBank angeht: letztendlich sind sie für uns ein Dienstleister, in der Mitte eines Prozesses. Wir übernehmen die Kommunikation mit den Kunden, nutzen dann die Infrastruktur der Solaris und kuratieren dann im letzten Schritt wieder zu 100% selber, was mit dem Geld der Kunden passiert. Dank unseres Partners war es uns möglich, schnell an den Markt zu kommen, ohne 30 erfahrene Risk Manager einstellen zu müssen.

Wie verdient ihr am Ende des Tages euer Geld?

Unser Basiskonto wird zunächst kostenfrei sein. Allerdings werden wir zeitnah auch ein Premiumkonto einführen, das mit einer monatlichen Gebühr verbunden ist und wo zusätzliche Leistungen in Anspruch genommen werden können. Perspektivisch werden wir zudem weitere nachhaltige Finanzprodukte anbieten, Spar- und Investmentmöglichkeiten zum Beispiel, wo wir einen kleinen Teil der Marge für uns beanspruchen würden. Und ab einer gewissen Größe wird auch das Kreditgeschäft fürs uns spannend, wenn wir die angelegten Gelder anderen nachhaltigen Wirtschaftskreisläufen zur Verfügung stellen können.

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Bei welchem erreichten Ziel knallen bei euch im Office die Champagnerkorken an die Decke?

Erstmal bin ich sicher, dass es eher Bierdeckel sein werden und keine Champuskorken. Aber dennoch haben wir große Ziele, keine Frage. Wir halten es für machbar, eine Million Kunden für unser Konto zu begeistern – wohlwissend, dass wir im Moment erst 300 Tester als Kunden haben und da noch ein großer Haufen Arbeit auf uns wartet. Wir wollen spürbar am Markt wahrgenommen werden, um der gesamten Branche ein bisschen in den Hintern zu treten und klar zu machen: "Leute, es geht auch anders." So dass der Deutsche Bank-Vorstand eines Tages bei uns anruft und sagt: "Ihr nervt." Noch besser wäre es aber, wenn er uns fragen würde, wie wir das alles hinkriegen und wir das Thema Nachhaltigkeit und technologische Einfachheit auch über Tomorrow hinaus prägen können.

Wann sind die klassischen Banken eigentlich "böse" geworden?

Historisch exakt kann ich das nicht beantworten. Aber ich würde mich mal zu der These verlocken lassen, dass Geld schon immer bei Gutem und bei Bösem seine Finger im Spiel hatte. Sicherlich hat eine Bank vor 500 Jahren schon dem Bauern Geld gegeben, um Saatgut zu kaufen und dem Tyrannen, damit er Kanonenkugel herstellen lassen kann. Bezeichnend für die Entwicklungen im 20. Jahrhundert finde ich aber, dass für mein Gefühl eine Entkopplung von den Menschen und der realen Wirtschaft stattgefunden hat und so das ganze System spätestens in den vergangenen Finanzkrisen auf besondere Art entgleist ist.

Ihr stellt euch diesem System nun mit jeder Menge Idealismus entgegen. Mir stellt sich die Frage: Woran erkennt man einen Idealisten und woran einen Spinner?

Ich glaube das ist extrem schwer zu beantworten, weil zwischen den beiden vermutlich nur eine sehr schmale Linie verläuft. Vielleicht kann man den Idealisten und den Spinner auch gar nicht voneinander trennen. Spinnerei ist in meinen Augen nichts per se Schlechtes. Dinge in Frage zu stellen und ganz grundlegend neu zu denken, ist ein großer Wert. Was in meinen Augen den Spinner vom Idealisten am ehesten unterscheidet, ist die Tatsache, dass der Spinner nur proklamiert und der Idealist handelt und Tatsachen schafft und so sein Schicksal in die eigenen Hände nimmt.

Mir scheint, dass ihr mit dieser Einstellung perfekt ins betahaus passt. Wie kam es, dass ihr gerade hier angeheuert habt?

Für uns war das betahaus ein Ort, der flexibles Wachstum ermöglicht. Gestartet sind wir mit drei Tischen und ein paar Monate später sind wir schon mehr als 10 Leute und teilen uns zwei große Büros. Zudem ist das hier eine Plattform von Menschen, die in ähnlichen oder vergleichbaren Situationen sind und sich austauschen können. Und dazu kommt die geografische Lage: Hier wo wir leben, wollen wir auch arbeiten. Am wichtigsten ist uns aber der Spirit im betahaus: Wir wollen nicht in eine Finanzblase rein und finden es großartig an einem Ort zu sein, wo einer Mucke macht und einer was mit Essen und der Dritte macht Bildungsprojekte. Diese Vielfalt empfinde ich als extrem spannend.

Was von dem, was das betahaus hat, sollte jedes Office in der Welt etwas haben?

So ganz spontan: Ich finde es total gut, dass wenn du unten rein kommst, du in einem Café stehst. Es ist doch toll, erstmal an einem schönen Ort anzukommen, bevor direkt Business gemacht wird.

Die Community will von dir lernen: Was war bisher dein größtes Learning aus dem Gründen und selbstständig sein?

Mein sicher größtes Learning ist, zu sehen, dass Dinge gestaltbar sind. Man sollte sich als Gründer nicht davon abschrecken lassen, dass irgendwelche Branchen oder Märkte oder Produkte schon immer so waren, wie sie jetzt sind. Gründen bedeutet gestalten und dafür muss man daran glauben, dass man mit einer Idee, Dinge zum besseren entwickeln kann. Absolut nichts ist in dieser Welt in Stein gemeißelt.

ZU TOMORROW:

Hinter Tomorrow stecken die Gründer Inas Nureldin, Michael Schweikart und Jakob Berndt. Inas gründete zuvor Salis IT Services und Muddy Boots Software und bringt seine Technologie und Produktkenntnis ein. Michael war lange Unternehmensberater und CFO von InStaff & Jobs und weiß alles über Finanzen und optimale Prozessgestaltung. Und Jakob ist bekannt als Co-Founder von Lemonaid und ChariTea und ist heute der Kommunikations-Kopf hinter Tomorrow. Zudem ist er Vorstand der zivilen Seenotrettung SOS Mediterranee.

Foto: Janine Meyer